Neurodivergenz zwischen Pathologisierung und politischer Bewegung
Neurodivergente Personen weichen von der Norm der Dominanzgesellschaft ab, was Reizverarbeitung, Fokuslenkung und soziale Bedürfnisse betrifft. Traditionell bekommen viele neurodivergente Menschen Diagnosen wie "Autismus-Spektrum-Störung" oder "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung". Viele von uns lehnen diese Pathologisierung ab, brauchen die Diagnosen aber zum Beispiel an Universitäten für einen Ausgleichsnachweis. Unsere Bedürfnisse sind oft "speziell" im Vergleich zu anderen, und viele neurodivergente Menschen dadurch effektiv be_hindert in den meisten Teilen der Gesellschaft. Was an Medizinunis als "social skills" beigebracht wird, ist aber genau die falsche Richtung für manche von uns. Wie daher als Mediziner:in mit Diagnosen und Begriffen richtig umgehen innerhalb eines falschen Systems? Welche konkreten Maßnahmen machen eine Praxis Neurodivergenz-freundlicher?
Während viele neurodivergente Menschen medizinisch schlicht unterversorgt sind, weil wir Angst vor Ärzt:innen und Abläufen entwickelt haben, stehen akademische Strukturen typischerweise in einem Hass-Liebe-Verhältnis zu neurodivergenten Personen. Unsere "kreativen" Denkweisen werden mal als Genie gefeiert, dann abgewertet. Unser Hyperfokus ist mal inspirierend, dann zu obsessiv. Unstrukturierte und sich schnell verändernde Umgebungen überfordern uns systematisch. Die dadurch unvermeidbaren mentalen Zusammenbrüche "sortieren uns aus", wenn wir nicht gerade in anderer Hinsicht sehr privilegiert sind. (Stichwort "alter, weißer, reicher, autistischer cis Professor, dem seine Schrulligkeit nachgesehen wird".) Dazu kommt noch, dass ein häufiger Coping-Mechanismus von neurodivergenten Personen sogenanntes "Masking" ist, also Über-Anpassung an die neuronormative Umgebung, sodass wir oft nicht einmal als neurodivergent auffallen oder gar unsere Bedürfnisse mitteilen. Könnt ihr als Allies dann überhaupt irgendetwas für uns tun? Ja, im Kleinen und in der Arbeit an Strukturen!
Dieser Vortrag soll neurodivergenten Medizinstudierenden helfen, ihre Position in den Systemen Medizin und Academia besser zu verstehen - und Allies dabei, Umgebungen zu schaffen, in denen wir uns sicherer fühlen. Emil Eva Rosina ist transmaskulin, autistisch, weiß und kommt aus einer nicht-akademischen Familie. Für den Vortrag ist keine Vorerfahrung oder Vorwissen notwendig.